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Parlamentarisches Frühstück – Berlin 16.10.14 |
Parlamentarisches Frühstück – das klingt für Außenstehende sicher leicht mehr nach Frühstück als nach geistiger Anstrengung. Dieses Arbeitsfrühstück war jedenfalls sehr gehaltvoll: Prof. Dr. Juliane Besters-Dilger, Direktorin des Slavischen Seminars der Albrechts-Ludwigs-Universität Freiburg hielt einen Vortrag zum Thema „Die Ukraine: Sprache – Identität – Nation“. Im gegenwärtigen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland fällt auf, dass die Sprachenfrage immer wieder thematisiert wird. Schon einen Tag nach der Machtübernahme in Kiew, am 23. Februar 2014, beschloss das neue Parlament der Ukraine mit überwältigender Mehrheit die Rücknahme des prorussischen Gesetzes „Über die Prinzipien der staatlichen Sprachenpolitik“, das Russisch zur „Regionalsprache“ für über 50 % der Ukrainer machte. Der separatistische Bürgermeister von Slowjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow, gab am 18. April 2014 die Parole aus, alle verdächtigen Personen zu melden, besonders diejenigen, die Ukrainisch sprächen. Prof. Juliane Besters-Dilger hat mit ihrem Vortrag in beeindruckender Weise die Rolle der Sprache im Konflikt um die Ukraine herausgearbeitet. Es bleibt zunächst festzuhalten, dass die ukrainische Gesellschaft überwiegend tolerant in der Frage des Gebrauchs der russischen oder der ukrainischen Sprache ist. Das Problem besteht darin, dass die Einführung des Ukrainischen als Staatssprache nach dem Zerfall der Sowjetunion Teil der Entsowjetisierung des Landes war. Dabei war allerdings die Dominanz des Russischen als starke Sprache und Lingua franca des postsowjetischen Raumes schwer zu brechen. In den östlichen Regionen dominiert Russisch. Diese ohnehin komplizierte Lage wird noch problematischer, seit die Regierung Putin die Sprachenfrage für geopolitische Zwecke nutzt und versucht alle Russischsprachigen als Russen oder auch Russländer zu betrachten, für die Moskau Verantwortung trägt und deren Interessen es durchsetzen bzw. verteidigen möchte. Frau Besters-Dilger wies anhand ihrer Untersuchungen nach, dass viele russischsprachige Ukrainer sich gegen diese Vereinnahmung durch den Kreml wehren. Die Sprachfrage ist zwar nicht die eigentliche Ursache, aber doch Teil des Ukrainekonfliktes. Bei den Demonstrationen auf dem Majdan wurde sowohl Ukrainisch wie auch Russisch gesprochen. Interessant ist die Frage, welche Sprachpräferenzen die junge bzw. heranwachsende Generation hat. Egal, ob sie aus russischsprachigen oder ukrainischsprachigen Familien kommen, die meisten möchten Englisch, die Lingua franca der Globalisierung lernen.
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