Mittwoch, 23. September 2020

 
 

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FESTANSPRACHE ZUM HEIMATTAG DER SIEBENBÜRGER SACHSEN

Festansprache von Dr. Christoph Bergner,
Parlamentarischer Staatssekretär, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten,

bei der Festkundgebung zum Heimattag der Siebenbürger Sachsen am 4. Juni 2006 in Dinkelsbühl

Ich wünsche Ihnen allen ein frohes Pfingstfest, grüße Sie herzlich und bedanke mich für die Einladung zu Ihrem Heimattag. Meine Frau und ich empfinden es als eine Auszeichnung, hier zu sein und diesem farbigen Trachtenumzug zuschauen zu können. Wir danken und gratulieren herzlich all denen, die diese Veranstaltung, die diesen Trachtenumzug vorbereitet und gestaltet haben. Ich überbringe Grüße und gute Wünsche der Bundesregierung, namentlich unseres Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble. Auch er dankt herzlich für das Engagement Ihrer Landsmannschaft bei Integration und Brückenbau und ich möchte in diesen Dank auch Ihre Landsleute einschließen, die aus Rumänien, aus Siebenbürgen, zu diesem Heimattag angereist sind. Auch ihnen ein herzliches Dankeschön für die Zusammenarbeit. Wir wollen diese Zusammenarbeit fortsetzen im Interesse dessen, was es an Kultur, was es an Werten und was es an Brückenbau und Integrationsleistung zu bewahren und zu fördern gilt.


Ein Heimattag ist Anlass, an Herkunft und die Herkunftskultur zu erinnern und zu fragen, wie ihre Bedeutung für die Gegenwart ist und welche Fortsetzung in der Zukunft aus ihr erwachsen kann. Meine erste Begegnung mit den Siebenbürger Sachsen, mit ihren Dörfern und Städten, mit ihrer Kultur, liegt inzwischen über 35 Jahre zurück. Diese Begegnung gehört für mich zu den besonders wichtigen, besonders prägenden, aber auch zu den besonders schönen Erfahrungen meines Lebens. Es war 1970, als Student der DDR hatten wir eine Sehnsucht nach dem Hochgebirge, aber nur sehr beschränkte Reisemöglichkeiten. Die Alpen als Reiseziel kamen nicht in Frage. Und so kamen wir auf die Idee, die Karpaten aufzusuchen. Und wir hatten damals noch mit viel Tricks bei der Rumänischen Botschaft  in Pankow ein Visum besorgen können und sind mit diesem Visum und der Sehnsucht nach dem Hochgebirge nach Siebenbürgen gereist. Was uns damals als Jugendliche begleitet hat, war aber nicht nur die Sehnsucht nach dem Hochgebirge. Es war eine Zeit, in der sehr viel über Gesellschaftsutopien diskutiert wurde, in der die Jugend auf der Suche nach der „heilen Welt“, nach idealen gesellschaftlichen Zuständen, Ideologien entwickelte, die sich im Westen in Studentenrevolten austobten. Auch an uns ist diese Bewegung nicht spurlos vorüber gegangen. So sind wir mit zwei Sehnsüchten nach Siebenbürgen eingereist: Mit der Sehnsucht nach dem Erlebnis des Hochgebirges und dem latenten Wunsch nach der „heilen Welt“, der gefühlsbetonten und unbestimmten Frage nach den Voraussetzungen einer idealen Gesellschaft.


Wir kamen nach Siebenbürgen und hatten großartige Begegnungen. Wir haben  Menschen getroffen, Deutsche, so sagten wir damals, wie wir sie besser in Deutschland zu Hause nicht hätten finden können. Jedenfalls wesentlich gastfreundlicher, als wir es von zu Hause her gewöhnt waren. Auf kleinstem Raum, das werde ich nie vergessen, haben wir Herberge bekommen, und das, wie sich später herausstellte, gegen das Verbot der rumänischen Regierung, die es nicht erlaubte, Fremde in den eigenen Häusern zu beherbergen, mit allergrößter Selbstverständlichkeit. Wir schlossen Freundschaften, die bis heute andauern. So war ich heute morgen sehr glücklich und bewegt, hier in Dinkelsbühl Hermannstädter Freunde aus dieser Zeit treffen zu können.


Wir machten eine Entdeckung, die Entdeckung der unvergleichbaren siebenbürgisch-sächsischen Kultur, mit der wir in vielfältiger Weise in Berührung kamen, in den Orgelkonzerten der Schwarzen Kirche am Donnerstag nachmittags – ein fester Termin bei jeder Ankunft in Kronstadt, lutherische Gottesdienste in der Tartlauer Kirchenburg, ein Abend bei der Tartlauer Kantorin, an dem wir bis in die Nacht hinein deutsche Volkslieder sangen, der Zauber der Städte Hermannstadt und Schäßburg, Kirchenburgen, die wir uns erwanderten, als wären es Wallfahrtsorte, und wo wir jedesmal staunten über die Symbolik von Glaubenstreue und Wehrhaftigkeit. Wir spürten damals sehr schnell, dass uns etwas Besonderes begegnete, dass hier etwas entstanden war an Kultur, auf das das Europa der Zukunft – und damals war der Eiserne Vorhang ja noch intakt –, nicht verzichten sollte. Wir haben gefragt: Wo sind die Wurzeln dieser besonderen Kultur, und wir haben Schritt für Schritt unsere Antworten gefunden:


 die Mentalität der Siedler, die vor Jahrhunderten Tausende Kilometer entfernt neue Heimat suchten;


 der Freibrief von Andreas II., der frühe Möglichkeiten individueller Freiheit und Freizügigkeit gewährte, während in anderen Teilen Europas noch Lehnsherrschaft und Leibeigenschaft herrschte;


der Abwehrauftrag, auch ein kultureller Abwehrauftrag der europäischen Kernländer gegen Tataren und Türken, Vormauer der Christenheit, Bollwerk des Abendlandes zu sein; 


die frühe ständische Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachsen, während anderenorts in Europa noch der Absolutismus herrschte;


das keineswegs von Gegensätzen freie Miteinander mit den anderen Völkerschaften: Rumänen, Madjaren, mit den slawischen Völkerschaften, wo eine Gemeinsamkeit und wechselseitige Abstimmung gefunden wurde, die ich nur als beispielhaft empfinden kann;


und auf diesen Nährboden der frühe Fortschritt.


Uns hat es damals überrascht, zu erfahren, dass die siebenbürgischen Städte zu den Ersten in Europa gehörten,  in denen es eine allgemeine Schulpflicht gab. Und deshalb haben wir Hochachtung bekommen, Hochachtung vor der Kultur, die wir antrafen. Und wir fanden diese Hochachtung und Anerkennung später auch bei den Historikern, auch bei rumänischen Historikern . Mir ist deshalb ein Zitat von Nicolae Iorga aus dem Jahr 1919 in besonderer Weise wichtig geworden: „Die Siebenbürger Sachsen haben städtisches Leben auf beiden Seiten der Karpaten eingepflanzt, West und Ost bis hin zur Donau und den entlegenen ‚tartarischen‘, griechischen und türkischen Gebieten durch Handelsbeziehungen verbunden; fruchtbaren westlichen Einfluss auf die alte, orientalisch geprägte Kultur ausgeübt, zum Sieg der nationalen Sprache der Rumänen über die mittelalterlichen Kulturformen beigetragen –, das alles schafft Rechte und Verdienste, die wir nicht genug anerkennen und schätzen können.“


Dies waren unsere Erfahrungen, die sich tief bei uns eingegraben haben. Wir haben im Rückblick Anlass zu Dankbarkeit. Wir haben viele schöne Sommerwochen in Siebenbürgen verbracht, Freundschaften geschlossen, herrliche Landschaften erwandert, Königstein, Fogarasch, Retezat, das Kokeltal, wir haben die Erfahrungen der Städte gemacht und der Kultur dieser Städte.


 Wir haben dabei – ich sprach von der zweiten Sehnsucht  – auch auf unbestimmte Fragen nach der heilen Welt und nach den Voraussetzungen einer vollkommenen Gesellschaft so etwas wie eine Antwort bekommen. Nun kann ich wirklich nicht sagen, Rumänien – es war das Runänien des Nicolae Ceausescu – hätte so etwas wie eine heile Welt widerspiegelt. Im Gegenteil, was wir erlebten, war voller Widersprüchlichkeiten: Bakschischwirtschaft, das Thema Korruption, aber auch so manche Bedrängnis und manche Probleme der Versorgung. Nein, das war nicht die Antwort auf unsere Frage nach der heilen Welt. Die Einsicht zu unserer Frage nach der heilen Welt war eine andere. Die erste Lektion habe ich unter der Kirchenkanzel der Tartlauer Kirche erfahren, in guter lutherischer Predigt: Die heile Welt, die ideale Gesellschaft kann sich der Mensch nicht selber schaffen. Er kann den Himmel nicht auf die Erde holen. Das muss der Erlösung durch den Herrgott überlassen bleiben. Aber was mit dem Segen Gottes hier getan werden kann, was Menschen in ihrer Unvollkommenheit tun können, ist eine lebendige Kultur zu schaffen, eine Kultur, die sich gegen die immer wachen Kräfte der Anarchie und der Gewalt schützt, eine Kultur, die die Würde eines jeden Menschen zur Geltung bringt, eine Kultur, die Gemeinschaft erhält, die Bindung festigt, die Lebenskraft vermittelt und die Sinn stiftet. Und diese Kultur ist eine Kultur, wie wir sie bei den Siebenbürger Sachsen gefunden haben. Und das war ein großartiges Erlebnis.


Und deshalb ist mir die Kultur der Siebenbürger Sachsen auch in diesen Jugendjahren in besonderer Weise zum Sinnbild geworden. Die Siebenbürger Sachsen haben gegen alle Widrigkeiten und Gefahren mit ihrer Kultur Räume der Menschlichkeit geschaffen und behauptet.


Vor dem Hintergrund solcher Begeisterung hat es mich dann allerdings sehr berührt, als unsere Hermannstädter Freunde uns bei einem Besuch still beiseite nahmen und uns anvertrauten, dass sie sich schon seit Jahren um die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland bemühen.


Wir haben diese Entscheidung immer verstanden, weil wir um den Druck und die Belastungen wussten, die sich seit der Kriegszeit, als die Deutschen gewissermaßen zum Sündenbock für die Geschichte erklärt wurden, fortsetzte und sie an der Entfaltung und an der Entwicklung in Siebenbürgen hinderte. Wir haben es verstanden, aber es hat uns auch schmerzlich berührt, denn es war natürlich verbunden mit dieser Frage: Wer wird in Zukunft die Einzigartigkeit der deutschen Siedlungen, der Kulturdenkmäler, der Kirchenburgen authentisch erhalten, Bleiben oder Gehen? Die Tiefe dieser Frage habe ich später in den achtziger Jahren verstanden, als uns Freunde in der DDR erklärten, dass sie den Ausreiseantrag in die Bundesrepublik Deutschland stellten. Da war dasselbe zu spüren und zu erfahren: Bleiben oder Gehen? Freundschaften bewahren, zu Hause bleiben, hier sein Leben gestalten, oder zu sagen, um der Zukunft willen dorthin, wo ich die Freiheit der Entscheidung habe. Die Schwermut dieser Frage hat uns später auch in der DDR berührt, und deshalb bin ich heute so dankbar, dass diese schwermütige Alternative überwunden scheint.


Das Motto Ihres Heimattages „Zukunft braucht Hoffnung“ belegt es ja, dass es bei dieser Schwermut nicht geblieben ist. Der Eiserne Vorhang ist gefallen, wir können dankbar dafür sein, Deutschland ist vereint, und Europa wird vereint. Rumänien wird Mitglied der europäischen Gemeinschaft, und damit bekommt dieses Motto ganz neue Perspektiven. Für mich machen sich diese Perspektiven in besonderer Weise an Hermannstadt fest, das im nächsten Jahr gemeinsam mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas sein wird. Mit Luxemburg verbindet sich die Tradition des europäischen Einigungsprozesses, mit Hermannstadt die Hoffnung auf dessen erfolgreiche Weiterführung und Vollendung. Und ich gratuliere Hermannstadt von ganzem Herzen von hier aus zur Kulturhauptstadt Europas im nächsten Jahr.


Und die Hermannstädter Hoffnungen gehen weiter. Die Hermannstädter Hoffnungen machen sich für mich fest an Klaus Johannis, der mit zwei Prozent deutscher Einwohner in Hermannstadt, also Siebenbürger Sachsen, 2004 mit 90 Prozent der Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Es erfüllt mich mit Hoffnung, dass auch andere Vertreter des Demokratischen Forums bei den Wahl sehr erfolgreich abschnitten. Dieses ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die Mehrheitsnation, die Rumänen, den Siebenbürger Sachsen vertrauen, dass sie ihnen wie vielerorts auch eine führende Rolle beim Aufbau Rumäniens zumessen. Diese Rolle zum Wohle beider Länder, diese Rolle zum Wohle des erweiterten Europa sollten wir nutzen. Und deshalb geht von hier aus, vom Heimattag mein herzlicher Gruß an Sie alle, an die Landsmannschaft, an die Landsleute, die aus Siebenbürgen angereist sind. Bauen wir gemeinsam weiter Brücken, setzen wir auf die unvergleichbaren Werte Ihrer Kultur, wir brauchen die Kraft der Kultur der Siebenbürger Sachsen, das vereinte Europa braucht sie, alles Gute und Gott befohlen.

 
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